Mag.a Dr.in Elke Knauder

Arbeit mit Persönlichkeitsanteilen

ALLGEMEINES

Jeder Mensch ist eine ganzheitliche Persönlichkeit, die in ihrer Individualität durch eine große Vielfalt von Wesenszügen, Verhaltens- und Erlebensweisen, Fähigkeiten sowie Ausdrucksweisen gezeichnet ist.

Jeder hat verschiedene Seiten und Anteile in sich, die zu unterschiedlichen Zeiten und in verschiedenen Situationen das Fühlen, Denken und Handeln bestimmen. Diese haben sich im Verlauf unseres Lebens gebildet und machen in ihrem Zusammenspiel unsere Besonderheit und Einzigartigkeit aus. Sie machen es möglich, dass wir uns an die Gegebenheiten und Anforderungen des Lebens flexibel anpassen können.

Wenn wir uns selbst gut kennen und einen freien Zugang zur Vielfalt unserer Persönlichkeitsanteile haben und wenn diese gut miteinander auskommen, fühlen wir uns ganz und lebendig.

Wir sind dann in Verbindung mit unserer Lebenskraft und können auf unsere Ressourcen – auf unsere wissenden, starken, kreativen, lebendigen Seiten - situationsangemessen zugreifen. Das erlaubt uns, unser Potential im Verlauf unseres Lebens nach und nach immer mehr zu entfalten.

Dieser angestrebte Idealzustand des harmonischen Zusammenspiels unserer inneren Anteile ist natürlich nicht immer gegeben.

Es gibt Zeiten, da haben wir das Gefühl, mit uns selbst nicht im Reinen zu sein oder können uns nicht entscheiden, weil in Bezug auf ein Thema mindestens „zwei Seelen in unserer Brust wohnen“.

Es können innere Spannungen entstehen, wenn unterschiedliche, einander wiedersprechende Bedürfnisse darum kämpfen, sich durchzusetzen und dadurch miteinander im Konflikt geraten. Manchmal verhalten wir uns in unseren eigenen Augen unmöglich und machen uns dann dementsprechend Selbstvorwürfe.
Wenn wir einen sehr strengen Kritiker oder eine harte Kritikerin in unserem inneren Team haben, können uns diese das Leben mitunter sehr schwer machen und unser Selbstwertgefühl und unsere Entfaltung beeinträchtigen.

Ein anderes Mal wieder fühlen wir uns unsicher, ängstlich oder hilflos wütend, wie einst als Kind, obwohl wir heute erwachsen und kompetent sind. Ein kindlicher Anteil von uns, mit den damals vorhandenen Gefühlen und Denkweisen, ist auf die innere Bühne getreten. Das ist vor allem dann störend, wenn wir uns in einer Situation befinden, die eine erwachsene Reaktion erfordert.
Es gibt aber auch kindliche Anteile in uns, die lieber spielen und Spaß haben möchten, wenn ein anderer Teil eigentlich vorhat, etwas Wichtiges zu erledigen. Auch dadurch kann ein Konflikt im inneren Team oder in der inneren Familie entstehen.

All diese Gefühlszustände und inneren Konflikte kennen wohl fast alle und sie handhaben zu lernen, gehört zu unserem Menschsein dazu und ist Teil der persönlichen Entwicklung.

Es kann aber auch sein, dass es in uns Persönlichkeitsanteile, Ich-Zustände oder Ego-States (wie diese auch genannt werden) gibt, die in Verbindung mit belastenden, verletzenden oder traumatischen Lebenserfahrungen entstanden sind.
Diese sind durch die mit diesen Erfahrungen verbundenen Gefühle, Gedanken und Verhaltensweisen sowie durch die damit verknüpften Bewältigungs- und Überlebensstrategien geprägt. Sie können auch heute noch in unserem Leben spürbar sein und Einfluss auf unser Erleben und Verhalten nehmen, wenn sie im Verlauf der Zeit keine Verarbeitung und Transformation erfahren haben.

Damals sinnvolle und hilfreiche Bewältigungsmechanismen können so heute, wenn die ursprüngliche Bedrohung längst vorbei ist, das innere Gefüge stören und zu belastenden Symptomen führen.

Aus der heutigen Sichtweise nicht nachvollziehbare Gefühle oder nicht zielführende Verhaltensweisen, können oft erst dann verstanden werden, wenn man in der (Ego-State) Therapie mit diesen verletzten Anteilen in Verbindung tritt und die Hintergründe und die einst gute, hilfreiche Absicht dieses Verhaltens in Erfahrung bringt. Das ist die Voraussetzung dafür, ehemalige, dem kindlichen Alter geschuldete Schutzmechanismen durch andere zu ersetzen, die in der heutigen Situation wirkungsvoller und nebenwirkungsfreier sind.

Ich möchte voraus schicken, dass man in der Ego-State Therapie natürlich nicht davon ausgeht, dass wir tatsächlich verschiedene, voneinander getrennte Persönlichkeiten in uns tragen.
Es handelt sich dabei um ein Modell, das helfen soll, die eigene Seele, mit all ihren Facetten, Konflikten und Ambivalenzen, besser zu verstehen. Man bezieht sich dabei auf die allgemeinmenschliche Erfahrung, verschiedene Seiten der eigenen Persönlichkeit zu kennen.

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HYPNOTHERAPEUTISCH ORIENTIERTEN EGO-STATE THERAPIE

In der von mir verwendeten hypnotherapeutisch orientierten Ego-State-Therapie nützt man die Vorstellungs- und Trancefähigkeit des Menschen (siehe dazu auch Hypnose und KIP) um Zugang zur inneren Vielfalt zu bekommen.

Das Besondere dabei ist, das nicht „über“ die verschiedenen Anteile und Ich-Zustände der Seele gesprochen wird, sondern in Trance, in einer Imagination „mit“ ihnen.

Ich lade sozusagen die verschiedenen Aspekte meiner Persönlichkeit ein, auf die innere Bühne zu kommen und bin neugierig, welche Gestalt sie annehmen.
So kann ich, je nach Anliegen oder Thema mit meinen kompetenten Anteilen auf der einen und den unsicheren auf der anderen Seite, mit meinen lebendigen, fröhlichen Seiten genauso wie mit meinen depressiven und verletzten Anteilen Kontakt aufnehmen. Ich kann mich mit meinem inneren Kritiker auseinandersetzen und mich liebevoll meinem inneren Kind widmen.
Zusätzlich ergibt sich daraus auch die Möglichkeit, dass innere Anteile, die verschiedenen Lebensaltern entstammen und auch ganz unterschiedliche Sichtweisen haben können, miteinander in Kontakt kommen.

Durch die symbolische Personifizierung der verschiedenen Seiten in uns, mit all den damit verknüpften Gefühlszuständen, Gedanken, Erinnerungen und Verhaltensweisen, wird für uns selbst fassbarer, was in unserem Inneren vorgeht.
Darüber hinaus wird dadurch eine therapeutische Arbeit in Trance möglich, die eine Behandlung der verletzten inneren Anteile ermöglicht. Man kann sich sozusagen heute liebevoll um das Kind von damals kümmern.

Übergeordnetes Ziel ist es, dass all unsere inneren Anteile miteinander vertraut werden, wie ein gutes inneres Team im Sinn des großen Ganzen gut zusammenarbeiten und sich gegenseitig fördern und unterstützen.

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ANWENDUNG

Die Konzepte und Vorgehensweisen der Ego-State Therapie können im Rahmen einer PSYCHOTHERAPIE Verwendung finden, wenn der Wunsch besteht, die Vorgänge in der eigenen Seele greifbarer und nachvollziehbarer zu machen.

Sie eignet sich dann sehr gut, wenn starke INNERE KONFLIKTE oder Spannungen zwischen verschiedenen Ich-Anteilen vorhanden sind oder wenn man das Gefühl hat, zu verschiedenen Seiten seiner Persönlichkeit keinen Zugang zu bekommen.

Als hilfreich hat sich dieses Vorgehen auch erwiesen, wenn man unter sehr HOHEN EIGENEN ANSPRÜCHEN oder unter einer sehr strengen, inneren kritischen Stimme leidet und das verändern möchte.

Ein weiteres Anwendungsgebiet ist die Arbeit mit dem „INNEREN KIND“, d.h. die liebevolle, fürsorgliche Zuwendung zu den Seiten und Erlebnisweisen, die mit unseren (schmerzlichen) Erfahrungen als Kind zusammenhängen.

Wenn es darum geht, STÖRENDE VERHALTENSWEISEN von bestimmten Anteilen (wie zum Beispiel Rauchen oder ungesundes Essverhalten) zu verändern, kann es sehr hilfreich sein, wenn diese Unterstützung von anderen Seiten der Persönlichkeit bekommen und das Problem „gemeinsam“ angegangen werden kann.

Im COACHING verwende ich dieses Konzept sehr gerne, wenn es darum geht, die eigenen Kräfte zu bündeln und den Zugang zu den eignen Ressourcen zu stärken, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, sich auf eine größere Aufgabe vorzubereiten oder Blockaden zu lösen.

Hier geht es darum, mit all seinen Stärken, Kompetenzen und kreativen Seiten in Kontakt zu kommen und mit ihnen ein für diesen Zweck gut funktionierendes inneres Team zusammenzustellen, das die anstehenden Aufgaben optimal bewältigen kann.

Wenn bisher innere Hindernisse einem Erfolg im Weg waren, wird oft sehr schnell deutlich, welcher Anteil oder welcher innere Konflikt diesen bisher blockiert hat. Es kann dadurch direkt und zielgerichtet an einer Veränderung gearbeitet werden. Ziel ist auch hier ein Verständnis und ein gutes Zusammenspiel der jeweiligen inneren Anteile.

Bei anstehenden Entscheidungen kann dieses Konzept dabei helfen, über eine mentale Pro und Kontra Abwägung hinaus zu einer ganzheitlichen, für die gesamte Persönlichkeit stimmigen Entscheidung zu kommen. Diese ist dann meist sehr nachhaltig und gibt Kraft für die folgende Umsetzung.

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DAS TRIADISCHE PRINZIP

Dieses Konzept der Arbeit mit inneren Anteilen wurde von Gabriela von Witzleben entwickelt und fokussiert sich auf drei (daher Triade) verschiedene Ebenen des Erlebens und Seins.

Diese drei seelischen Bereiche bringt sie in Verbindung mit drei Bereichen im Körper. Es geht in diesem Modell um die Verbindung und Integration von KOPF, HERZ und BAUCH.
Diese drei symbolisieren verschiedene Sicht-, Denk- und Fühlweisen des Menschen, die uns allen gut vertraut sind.

Damit man mit sich mit sich ins Reine kommen kann, damit Entscheidungen ganzheitlich getroffen und innere Prozesse besser verstanden werden können, ist eine Verbindung und ein gutes Zusammenspiel dieser drei Ebenen erforderlich.

Häufig kommt es dann zu Problemen, wenn ein Bereich im Alleingang vorgeht oder glaubt, alleine etwas entscheiden oder lösen zu können.
Wir alle kennen das, wenn wir zum Beispiel ein Problem auf der rein rationalen Ebene durch „darüber nachdenken“ lösen wollen und damit auf keinen grünen Zweig kommen. Ebenso vertraut ist sicher die Situation, in der wir aus dem Bauch heraus eine Entscheidung treffen wollen und der Kopf eine Reihe von Argumenten liefert, die dagegen sprechen. Viele haben sicher auch schon einmal erlebt, dass das Herz ganz offen auf jemand zugehen will, das Bauchgefühl aber dagegen spricht.

In der Arbeit mit dem triadischen Prinzip konzentriert man sich auf diese drei Bereiche mit der Absicht, dass alle drei zu Wort kommen können, untereinander Gehör und zu einer Gemeinsamkeit finden.

Das Besondere an dieser Arbeit ist auch hier, dass nicht „über“ diese Anteile, sondern „mit“ Ihnen gesprochen wird. Darüber hinaus geht es darum, das eigene seelische und körperliche Gespür für diese drei Bereiche zu verbessern und einen vertieften Zugang zum eigenen Erleben zu bekommen. Ziel ist auch hier, dass es zu einer stimmigen inneren Entwicklung, Entfaltung, Entscheidung oder Problemlösung – in Verbindung mit den eigenen Ressourcen – kommt.

Eine zweite Besonderheit ist, dass Kopf, Herz und Bauch symbolisch, mit Hilfe von Papierscheiben am Boden im Dreieck aufgelegt werden und man so auch räumlich von einem Bereich zum anderen weiter gehen kann. Das ermöglicht einen strukturierten auch körperlich erlebten Prozess, bei dem den einzelnen Bereichen Raum gegeben wird und auch die Verbindung der drei Bereiche miteinander ganz konkret durch Bewegung erfahren werden kann.

So kann ich zum Beispiel eine Frage, die ich an mich habe, nacheinander an Kopf, Herz und Bauch richten und jeweils in mich hinein spüren und hinein hören, was diese Bereiche dazu zu sagen haben.
Da Seelisches immer körperlich erfahren wird und Körperliches mit dem Seelischen verknüpft ist, kann durch dieses Vorgehen die Verbindung dieser beiden Bereiche untereinander gestärkt werden. Auf diese Art und Weise erschließt sich oft auch ein Zugang zum Verständnis seelisch-körperlicher Symptome und ermöglicht deren Bearbeitung und Auflösung.

Auch diese Art der Arbeit mit Persönlichkeitsanteilen kann sowohl im Coaching wie in der Psychotherapie Anwendung finden.

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